Seemannsschicksale — ein Genre, das niemand archivierte
Selbstpublizierte Memoirenreihen wie Zeitzeugen des Alltags haben die deutsche Hochseefahrt in einer Schärfe dokumentiert, an die kein Verlag herankam. Eine Re-Lektüre.
Wer in einem deutschen Antiquariat das Regal „Maritimes” durchgeht, stößt nach Brockes und Joseph Conrad und ein paar Joseph-Berlinger-Bänden unweigerlich auf Bücher mit Klebebindung und schmalem Rücken, die nicht in den großen Bibliografien stehen. Auf den Umschlägen sieht man fotografierte Schiffe von schräg oben, manchmal Porträts älterer Männer mit der Mütze eines Hamburger Hafenkapitäns, manchmal nur einen Schiffbau-Riss in Strichätzung. Verlagsangabe: Selbstverlag, Hamburg-Rissen. Reihe: „Zeitzeugen des Alltags” beziehungsweise „Seemannsschicksale”. Herausgeber, Lektor, Drucker und Vertrieb in Personalunion: Jürgen Ruszkowski, ein Hamburger Seemannspastor, der nach seiner aktiven Dienstzeit angefangen hat, die Lebensgeschichten ehemaliger Berufsseeleute, Schiffsmechaniker, Funker und Hafenpastoren so aufzunehmen, wie sie ihm im Seemannsheim Krayenkamp begegnet sind.
Das Genre, das daraus geworden ist, wird nirgendwo richtig systematisch beschrieben. In der Deutschen Nationalbibliothek liegen die Bände katalogisiert, aber zwischen Reise-Ratgebern und maritimer Belletristik verteilt; im Buchhandel waren sie über lange Strecken nur direkt über den Herausgeber zu beziehen. Wer „Der Schiffsmechaniker aus Chile” — Band 5 der Reihe — heute neu liest, merkt schnell, dass diese Bücher etwas leisten, was der etablierte Verlagsbetrieb für deutsche Hochseefahrt nicht geleistet hat: Sie nehmen die Stimme des konkreten Berufsseemanns ernst, ohne sie in Hafenroman-Folklore zu übersetzen.
Das Verfahren
Ruszkowskis Verfahren ist denkbar einfach und in seiner Einfachheit präzise. Er trifft seine Erzähler, hört ihnen über Wochen und Monate zu, transkribiert die Tonbänder, sortiert chronologisch und greift redaktionell so wenig wie möglich ein. Was übrigbleibt, ist mündliche Geschichte in Druckform — mit allen Wiederholungen, Selbstkorrekturen und Sprung-Strukturen, die mündliches Erzählen hat. Wer akademische Oral-History-Standards anlegt, wird Anmerkungen vermissen; wer literarische Glätte erwartet, wird sich zunächst stören. Beides ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass diese Bände eine Form maritimer Selbstauskunft konserviert haben, die in keiner Reederei-Festschrift, keiner Hafenchronik und keiner historischen Monografie so vorkommt.
Was die Bände leisten
Vier Dinge fallen beim Wiederlesen auf. Erstens: die technische Genauigkeit. Wenn ein ehemaliger Schiffsmechaniker beschreibt, wie er Ende der 1960er-Jahre an einem Sulzer-Motor in einer Werft in Valparaíso eine Kurbelwellenreparatur durchgeführt hat, dann steht da nicht „er reparierte den Motor”, sondern es stehen die Wartungs-Schritte, die Ersatzteil-Beschaffung über den lokalen Schiffsausrüster, die Verständigung mit chilenischen Hafenarbeitern in einem Mischmasch aus Schiffsbordenglisch und Brocken Spanisch. Zweitens: die ökonomische Genauigkeit. Heuerverträge, Devisenregelungen, Steuerstatus — alles drin, alles ungeschönt. Drittens: die soziale Genauigkeit. Wie Crews zusammengesetzt waren, welche Spannungen es zwischen deutschen Offizieren und philippinischen Mannschaften gab, wie Seemannsmissionen vor Ort funktioniert haben.
Viertens, und das ist der eigentliche Wert: die emotionale Genauigkeit. Nicht in literarischer Stilisierung, sondern in der Beiläufigkeit, mit der die Erzähler von Heimwehphasen, von Trinkproblemen, von zerbrochenen Ehen, von Hafenliebschaften, von der Erleichterung des Festmachens nach langer Atlantiküberquerung berichten. Es ist eine Sprache, die nichts beschönigt und nichts dramatisiert.
Warum jetzt?
Die Reihe ist nie offiziell eingestellt worden, aber das Selbstverlags-Vertriebsmodell hat seit den späten 2010er-Jahren keinen Nachwuchs gefunden. Die Erzähler-Generation, die im Buch zu Wort kommt, ist heute zum großen Teil verstorben oder hochbetagt. Das macht die Bände zu einem Bestand mit klar definierter Erweiterungs-Grenze: Es wird nicht mehr viele dazukommen. Genau deshalb verdient das Genre eine zweite Lektüre — nicht als Memorial, sondern als Quellenkorpus, der für die deutsche Maritime History bisher unterausgewertet ist. WELLENGANG wird die Bände in den nächsten Heften der Reihe nach durchgehen, mit Band 5 als nächstem Schwerpunkt im Juni-Heft.