Varroa-Monitoring Mai 2026 — die saure Frage
Puderzucker-Test, Schwellenwerte und die Wahl zwischen Oxalsäure, Ameisensäure und Thymovar — eine technische Bestandsaufnahme aus dem Frühjahr.
In diesem Heft führt kein Weg an Varroa destructor vorbei. Wer Anfang Mai die Brutwaben durchsieht und dabei eine einzige helle Milbe auf der Verdeckelung entdeckt, weiß: unter der Wabe sitzen weitere zwanzig. Die Frühsommer-Phase ist jene Zeit im Bienenjahr, in der das Volk in die expansive Brut geht — und die Varroa-Population mitsprintet. Wer jetzt nicht zählt, behandelt im August blind.
Der Puderzucker-Test, Schritt für Schritt
Die nüchternste Methode, den Befall pro 100 Bienen zu bestimmen, ist der Puderzucker-Test. Wir entnehmen eine Probe von rund 300 Bienen aus dem Brutraum — niemals vom Honigraum, niemals von der Königinwabe — und füllen sie in ein Schraubglas mit Drahtgaze-Deckel. Darüber kommen 50 g feinster Puderzucker. Glas verschließen, eine Minute sanft rollen, drei Minuten ruhen lassen, dann den Zucker durch die Gaze auf ein helles Tablett klopfen. Die Bienen kehren in die Beute zurück, die abgefallenen Milben bleiben im Zucker zurück.
Bei einer Probe von 300 Bienen entspricht ein Milbenfund von 15 Tieren einem Befall von 5 % — exakt der Schwelle, ab der im Mai dringender Handlungsbedarf besteht. Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim (LWG) gibt für die laufende Saison 3 % als untere Vorwarnung, 5 % als Therapiegrenze und 8 % als Notfall an. Wer im Mai bei 8 % steht, kann im August mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Volkszusammenbruch rechnen — und zwar dem klassischen, lautlosen: Brut verbleibt im Stock, Bienenflug bricht binnen Tagen ab, die Königin wird im Restvolk allein zurückgelassen.
Die saure Therapie — was wirkt, was wann
Die deutsche Imkerei führt seit den späten 1980er Jahren einen Stellungskrieg gegen Varroa, und die Frontlinie heißt heute: organische Säuren plus ätherische Öle. Die chemisch-synthetischen Mittel der ersten Generation — Coumaphos (Perizin, Checkmite) und Tau-Fluvalinat (Apistan, Klartan) — sind im Mai 2026 in der Hobby- und Berufsimkerei praktisch obsolet. Zwei Gründe: Resistenz (in einigen mitteleuropäischen Populationen liegt die Tau-Fluvalinat-Resistenzrate über 90 %), und Rückstände im Wachs, die über Jahre kumulieren und beim Mittelwand-Umschmelzen wieder in die nächste Brut wandern.
Was bleibt, sind drei saure Wirkstoffe.
Oxalsäure 3,5 % wirkt durch Aufträufeln (Träufelmethode) oder Verdampfen. Aufträufeln in 4,2-prozentiger Zucker-Wasser-Lösung wird nur im brutfreien Zustand angewendet — also klassisch im Dezember, nicht jetzt. Die Verdampfung mit dem Sublimox-Gerät oder dem Varrox-Verdampfer ist seit der Zulassungserweiterung 2017 auch im Sommer freigegeben, allerdings mit Auflagen: nicht in den Honigraum, nicht oberhalb von 14 °C Außentemperatur, und nicht ohne Atemschutz für den Imker.
Ameisensäure 60 % ist der Klassiker für den Sommer. Sie wirkt — und das ist der entscheidende Punkt — durch die verdeckelte Zellwand hindurch, erreicht also die Brutmilbe. Der Liebig-Dispenser hat sich gegenüber dem älteren Nassenheider-Verdunster durchgesetzt, weil er die Verdunstungsrate über 14 Tage konstant hält. Konkrete Dosis Mai 2026 für Dadant-Magazin: 200 ml AS 60 % auf einen Schwammtuch-Liebig, drei Wabengassen entfernt von der Brut, abgedeckt durch die Schied. Bei Außentemperaturen über 25 °C fällt die Königin gelegentlich aus — wer das Risiko nicht eingehen will, wählt eine kühlere Witterungsphase.
Milchsäure 15 % ist die sanfteste der drei. Sie wird im Sprühverfahren auf einzelne Waben aufgebracht (4 ml pro Seite) und wirkt nur als Kontaktmittel — also nicht durch die Verdeckelung. Indikation: Kunstschwärme, Ableger, brutfreie Phasen. Im laufenden Mai-Volk hat Milchsäure praktisch keine Bedeutung.
Thymovar und die ätherischen Öle
Die nicht-saure Alternative heißt Thymol, vermarktet als Thymovar in zellulosegebundenen Streifen. Zwei Streifen werden für drei bis vier Wochen auf die Oberträger gelegt; die Verdunstung erfolgt temperaturabhängig. Wirkungsgrad bei 20–25 °C Außentemperatur: 90 % im Brutfreien, 65–75 % bei normaler Mai-Brut. Vorteil: keine Königinverluste, keine Brutschäden. Nachteil: Honig schmeckt für vier Wochen nach Thymian, wenn man die Streifen versehentlich in der Honigraum-Saison platziert.
Die Imkerschule Bantin in Mecklenburg empfiehlt für 2026 in einer Mitteilung vom April eine sequenzielle Strategie: Mai/Juni Befallsmonitoring, Juli Brutwabenentnahme plus Ameisensäure-Verdunstung über die Schied auf 14 Tage, August Kontrollwäsche, Dezember Oxalsäure-Träufelung im brutfreien Zustand. Das Sächsische Landesamt für Bienenkunde schließt sich dieser Linie an, gibt aber für Standorte über 400 m Höhenlage eine Vorverlegung der Sommerbehandlung um zehn Tage vor — die Bruttätigkeit setzt dort früher aus.
Brutwabenentnahme — die mechanische Komponente
Saure Therapien wirken besser, wenn sie mit mechanischer Reduktion kombiniert werden. Konkret: eine voll verdeckelte Brutwabe wird Mitte Juni dem Volk entnommen und ausgeschnitten oder ausgeschmolzen. Auf dieser einen Wabe sitzen — je nach Befall — zwischen 800 und 2.500 Varroamilben in der verdeckelten Phase. Wer drei solche Brutwaben im Lauf des Frühsommers entnimmt, reduziert die Population um schätzungsweise 60 %, ohne einen Tropfen Säure einzusetzen. Die Methode ist arbeitsintensiv, aber sie kommt mit null Rückständen aus.
Praxis-Empfehlung für die kommenden Wochen
Wer diese Woche den Puderzucker-Test macht und einen Wert über 5 % findet: Brutwabe entfernen, Schied einsetzen, Liebig-Dispenser mit 200 ml AS 60 % platzieren, Verdunstung über 14 Tage laufen lassen. Tagsüber Außentemperatur zwischen 15 und 25 °C, Restfeuchte unter 70 %. Nach 14 Tagen Kontroll-Puderzuckertest. Liegt der Wert über 2 %, eine zweite Runde Ameisensäure — diesmal mit reduzierter Dosis von 150 ml.
Wer unter 3 % Befall liegt: keine akute Behandlung, aber Monitoring im Vierzehn-Tage-Rhythmus fortführen. Die kritische Phase verlagert sich dann auf Ende Juli, wenn die Brutreduktion einsetzt und die Milbenpopulation in den letzten verbliebenen Zellen kondensiert.
Und wer über 8 % liegt: Notbremse. Volk umstellen, Brut komplett entnehmen, Bienen ins Kunstschwarm-Verfahren, Milchsäure-Sprühung auf den brutfreien Schwarm, Wiedereinschlagen in saubere Beute. Klingt drastisch — ist aber im Mai noch machbar und rettet das Volk vor dem Augustkollaps.
Zum Schluss eine Zahl
Die LWG Veitshöchheim hat in ihrem Frühjahrsbericht 2026 eine Statistik aus 1.247 überwachten bayerischen Völkern veröffentlicht. Bei jenen Imker:innen, die im Mai monatlich monitorten, lag der Überwinterungsverlust 2024/25 bei 7,2 %. Bei jenen, die nur im Herbst zählten, bei 23,8 %. Drei Puderzuckertests im Frühjahr kosten 90 Minuten Arbeit pro Stand. Sie sind die billigste Versicherung, die der deutsche Imkermarkt aktuell anzubieten hat.
Ein abschließender Hinweis zur Säure-Lagerung in der Werkstatt: Ameisensäure 60 % gehört in dunkle PE-Kanister mit Gewindeverschluss, separat von Oxalsäure-Beständen, gelagert bei 5 bis 15 °C. Wer im Mai die Saisonration einkauft, plant 600 ml AS pro Volk und Jahr ein — das deckt Sommer- und Spätsommerbehandlung mit Reserve. Oxalsäure-Dihydrat kristallin lagert trocken in geschlossenen Glasbehältern, ist in dieser Form jahrelang stabil. Thymovar-Streifen verlieren bei Lagerung über 20 °C ihre Verdunstungskonstanz; die Imkerschule Bantin empfiehlt Kühlschranklagerung der ungeöffneten Packungen über die Sommermonate. Und ein letzter Punkt zur Imker-Sicherheit: bei jeder Säure-Anwendung gehören Schutzbrille, säurefeste Handschuhe und langärmlige Kleidung dazu. Eine Spritzerprotokollierung im Imkertagebuch — Datum, Wirkstoff, Dosis, Volk-Nummer, Außentemperatur — ist nicht nur Pflichtdokumentation nach Tierarzneimittelverordnung, sondern hilft im Folgejahr, die eigene Behandlungsstrategie zu evaluieren.